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17.02.2026

Spannendes Podium: Hanauer OB-Kandidaten diskutieren über Glauben

News Hanau

Es war die erste gemeinsame Podiumsdiskussion aller Kandidierenden für die Hanauer Oberbürgermeisterwahl am 15. März, und dabei ging es weder um Parteiprogramme noch um kommunale Finanzen, auch nicht um Klimaanpassung oder Strategien gegen die Innenstadtverödung. Unter der Überschrift „Hanau glaubt?!“ diskutierten die Kandierenden vielmehr über den Glauben, dessen (heutige) Bedeutung und eng damit verknüpft über Werte, Traditionen und gesellschaftlichen Zusammenhalt.


Dabei wurden durchaus viele geteilte Überzeugungen, aber auch Unterschiede deutlich. Initiator der Gesprächsrunde war die Kathinka-Platzhoff-Stiftung, gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde und der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde Hanau. Das Podium unter der Moderation von Prof. Dr. Siegfried Krückeberg bildete mit den sechs potenziellen Nachfolgern von Amtsinhaber Claus Kaminsky dabei ein recht breites Glaubensspektrum ab – von katholisch (Hemsley), katholisch getauft, aber nicht mehr praktizierend (Statz), evangelisch (Bieri, Feldes) über konfessionslos (Dohn) bis muslimisch (Akhtar). Rechnet man noch die Hanauer jüdischen Glaubens sowie weitere Religionsgemeinschaften hinzu, spiegelt das die religiöse Vielfalt der Stadt wider. Eine Vielfalt, die die Brüder-Grimm-Stadt seit Jahrhunderten prägt, und deren lange Geschichte Oliver Dainow, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde, und Pfarrer Torben Telder, in einem unterhaltsamen „historischen Proseminar“ vorab kurz beleuchteten.

Trotz aller Unterschiedlichkeit in Bezug auf die – sehr lebensnah und offen geschilderten persönlichen religiösen Überzeugungen und auch den Weg dorthin – , wurden Nächstenliebe und Toleranz von allen Kandidaten als zentrale Werte genannt. „Religionen sind keine Rückzugsorte, sondern die Aufforderung, sich für andere einzusetzen“, brachte es Dr. Maximilian Bieri auf den Punkt. Ebenso herrschte Einigkeit darüber, dass die Bedeutung der verschiedenen Glaubensgemeinschaften in und für die Stadtgesellschaft ganz erheblich sei, gerade mit Blick auf die Vermittlung von Werten. Sascha Feldes verwies hier ganz besonders auf das kirchliche Engagement in der Kinder- und Jugendarbeit, ebenso wie auf deren Angebote für ältere Menschen in ihren ganz individuellen Lebenssituationen.

Leere Kirchen und volle Moscheen

Doch die Gesellschaft verändert sich: Während in Hanau zur vorletzten Jahrhundertwende noch 97 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Glaubensgemeinschaft angehörten, sind es heute nur noch etwa 35 Prozent. 20 Prozent der Hanauer sind Muslime, weniger als 1 Prozent haben den jüdischen Glauben, die Mehrheit der Menschen hier fühlt sich also keiner Religion zugehörig. Ein Wandel, der nicht zuletzt darin sichtbar wird, dass Kirchen mangels Auslastung ihre Türen schließen. Nichtsdestotrotz, zeigte sich nicht nur Isabelle Hemsley überzeugt, würden sakrale Gebäude auch künftig eine Rolle in der Stadt spielen – jene seien schließlich schon immer nicht nur Orte des Glaubens, sondern auch der Begegnung gewesen. Hier gelte es auch, sinnstiftende neue Nutzungen zu finden, so Hemsley mit Verweis auf das Diakoniezentrum, das in der Hanauer Christuskirche entstehen soll.

Den zunehmend leerer werdenden Kirchen stehen in Hanau muslimische Gebetshäuser gegenüber, die, so formulierte es Khurrem Akhtar, „aus allen Nähten platzen“. Die Vielzahl neuer Angebote, gerade auch für Kinder und Jugendliche, sorge für einen großen Platzbedarf. „Ich kenne keine Gemeinde, die nicht auf der Suche nach größeren Räumlichkeiten ist“, sagte Akhtar. Auch diesem Bedürfnis müsse Rechnung getragen werden.

Und was wäre nun, wenn eine Moscheegemeinde eine leerstehende Kirche nutzen wolle, kam eine Frage aus dem Publikum. Hier gab Henrik Statz der sehr offenen Haltung von Sascha Feldes und der Überzeugung, dass es da möglicherweise Grenzen gäbe von Isabelle Hemsley gleichermaßen Recht: Aufgabe der Stadt sei es, auf die Einhaltung der Spielregeln zu achten – wenn dann die beiden Gemeinden in einem offenen, transparenten Verfahren zu einem Konsens fänden, sei das durchaus denkbar.

Während der Runde Tisch der Religionen von allen Teilnehmenden grundsätzlich als wertvolle Errungenschaft der Stadt für den Dialog der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften gewürdigt wurde, betonte nicht nur Jochen Dohn, dass es hierbei vielfältige Bemühungen auch der Stadtgesellschaft brauche – der Runde Tisch könne nur ein kleiner Teil der Anstrengungen sein, so viel Unterschiedliches zu vereinen.

Wie unterschiedlich, das wurde zum Ende der Gesprächsrunde deutlich, als es um eine Äußerung Khurrem Akhtars ging, der seine Überzeugung unterstrich, dass der Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober, den er ausdrücklich verurteilte, keine religiös motivierte Tat gewesen sei, sondern eine Reaktion auf eine Besatzung. Eine Aussage, die bei vielen im Publikum für großes Unbehagen sorgte, das zum Teil auch artikuliert wurde. Weil eine Diskussion um dieses Thema den Rahmen der Veranstaltung jedoch definitiv gesprengt hätte, blieb dieser Konflikt im Raum stehen – und mit ihm eine Vorstellung von der Größe der Aufgabe, auch über solche grundsätzlich unterschiedlichen Überzeugungen hinweg Wege eines friedlichen Miteinanders in einer Stadtgesellschaft zu finden.

(Quelle: Hanauer Bote vom 14.02.2026)

Die Aufzeichnung der Veranstaltung finden Sie auf dem YouTube Kanal der Kathinka-Platzhoff-Stiftung: