22.11.2022

Geht ein Rabbi am Jom Kippur Golf spielen

News Hanau

Jüdische Kulturwochen bringen mit „Der jüdische Witz“ das Publikum im Olof-Palme-Haus zum Lachen.

Wenn Rabbiner Andrew Steiman redet, könnte man meinen, man wäre bei der Stand-up-Comedy gelandet. So gekonnt witzelt er ins Mikrofon, so sattelfest sind seine spontanen Reaktionen auf das Publikum. „Einfach mal den Kopf ausschalten und ein bisschen lachen“ ist die Idee hinter der Veranstaltung „Der Jüdische Witz“, so Oliver Dainow, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Hanau. Zum Lachen bringt Steiman das proppenvolle Olof-Palme-Haus tatsächlich. Er erklärt aber auch, warum der jüdische Humor so wichtig ist.

„Die Hälfte aller Juden ist übrigens nicht beschnitten“, setzt der Rabbiner trocken an und fügt nach kurzer Kunstpause hinzu: „Die Frauen“. Beschneidung sei ein zentrales Thema im jüdischen Humor, genauso wie Frömmigkeit. Im Laufe des Abends arbeitet sich Steiman außerdem am Gebet, der Familie und an Gott selbst ab. Sein Repertoire ist scheinbar endlos und immer dann, wenn jemand anderes an der Reihe ist einen Witz zu erzählen, kennt er dessen Ursprung und eine bessere Variante.

„Ich liebe diesen Witz mit dem Rabbi, der am Schabbat Golf spielt“, meldet sich eine Frau aus dem Publikum. „Das ist nicht Schabbat“, sagt Steiman und wird von mächtigem Gelächter übertönt. Tatsächlich geht der Rabbiner am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, zum Rasenspiel, wo er ein Hole-in-one schlägt. Statt sich aber darüber zu freuen, schaut er nach oben und fragt Gott: „Wieso musst du dich so an mir rächen?“. Bei denjenigen im Publikum, die weniger mit dem Judentum vertraut sind, bedarf die Pointe in diesem Fall einer Erklärung: Jom Kippur ist strenger Ruhe- und Fastentag. Gott rächt sich also an dem Lästerer, indem er ihm einen Erfolg gibt, von dem er niemandem erzählen kann.

Andere Witze machen direkt auf die Sprachbarriere zwischen Juden und Gois, also Nichtjuden, aufmerksam: „Da ist ein Mann vor Gericht und er ist angeklagt, weil er seine Frau umgebracht hat“, beginnt zur Abwechslung Oliver Dainow. Der Mann gesteht, die Tat wegen „Chuzpe“ begangen zu haben. Der nichtjüdische Richter muss sich den Begriff mit „Frechheit“ übersetzen lassen. „Sie haben ihre Frau also wegen Frechheit umgebracht?“ Der Angeklagte verneint: „Ich komme nach Hause und ich finde meine Frau mit einem anderen Mann im Bett. Das ist eine Frechheit. Aber mir zu sagen, ich soll stehen und zugucken, wie der andere es besser macht als ich, das ist Chuzpe.“

Was Andrew Steiman seinem Publikum darlegen will, ist die Funktion von jüdischem Humor. „Diese Witze haben manchmal einen tragischen Hintergrund“, sagt er. „Sie sind aber auch etwas Militärisches, nämlich eine Waffe. Man kann sich zur Wehr setzen gegenüber einer feindlichen Umgebung, indem man über sich selbst lacht und damit dem anderen die Waffe aus der Hand schlägt.“

Deutlich wird das bei dem behafteten Thema Geld, um das Steiman auch keinen Bogen macht. Der Witz, der dabei den größten Lacher erzielt, geht so: Gott fragt alle Völker, ob sie Gesetzestafeln wollen. Alle lehnen ab, außer die Juden. Die fragen erst mal, was das Ganze kosten soll. „Die sind umsonst“, sagt Gott. „Na gut“, antworten die Juden, „dann nehmen wir zwei.“

Der Antisemitismus werde hier für einen kurzen Moment angenommen, um ihn dann beim Lachen wieder loszuwerden, so Steiman. „Die Selbstironie ist da ganz wichtig“, sagt er. „Ich finde, das ist auch Therapie.“
 

(Quelle: Hanauer Anzeiger vom 17.11.2022)

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