07.09.2022

In organisierte Ermordung geschickt: Gedenken am Hanauer Hauptbahnhof

Hanau

Vor 80 Jahren, am 5. September 1942, wurden 78 Jüdinnen und Juden aus Hanau und den umliegenden Gemeinden zum Hauptbahnhof verfrachtet. „Es waren Frauen und Männer, Kinder und Alte, die in die vom NS-Regime organisierte Ermordung geschickt wurden“, erinnerte Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck in ihrer Rede anlässlich des Jahrestages der Deportation an „eines der dunkelsten Geschehen unserer Stadt- und Landesgeschichte“.

Gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde Hanau und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hatte die Stadt Hanau zur Gedenkveranstaltung auf dem Vorplatz des Bahnhofs und zur Niederlegung des Kranzes an der Gedenktafel an Gleis 9 eingeladen.

Rabbiner Shimon Großberg trug das traditionelle jüdische Gebet „El Male Rachamim“ zum Gedenken an die Opfer der Schoah vor. Pfarrer Heinz Daum sprach mit dem Musiker Nur Ben Shalom über sein ganz besonderes Familienerbe.

Shaloms Großtante Salome Ochs hat am 7. April 1943 aus dem Ghetto, aus der Hölle, einen zwölfseitigen Brief geschrieben, der zurzeit im Jüdischen Museum Frankfurt in der Ausstellung „Rache – Geschichte und Fantasie“ zu sehen ist. „Ich bin in Israel mit diesem Brief aufgewachsen. Er lag in der Schublade meines Vaters“, sagte Nur Ben Shalom, der seit 13 Jahren in Berlin lebt. In diesem Brief, dessen erste und letzte Seite in Auszügen vorgelesen wurde, schildert die Pianistin Salome Ochs das Grauen, das unsagbare Leid, die Gräueltaten. Und sie fordert ihre Familie auf, Rache zu nehmen. „Es gibt keine Lösung“, sagte Nur Ben Shalom auf die Frage, wie man mit diesem Erbe umgehen könne. Der Großneffe sieht den Brief als eine wichtige Stimme einer mutigen Frau. „Alle sollen hören, was sie zu sagen hat.“

Wie Salome Ochs haben die jüdischen Menschen aus Hanau die Schoah nicht überlebt. Offen und für alle sichtbar mussten die Menschen – 86 im Mai 1942 und noch einmal 78 im September – bekleidet mit mehreren Lagen an Jacken und Mänteln und wenig Gepäck in die Züge der Reichsbahn steigen, die sie in die Konzentrations- und Vernichtungslager in Majdanek, Sobibor, Theresienstadt, Kaunas, Treblinka und Auschwitz transportierten, so Funck. Die Verschleppung 1942 ging nicht heimlich, still und leise vonstatten, sondern am helllichten Tage, und wurde zudem offiziell fotografisch dokumentiert von Bildstellenleiter Franz Weber. Eine Auswahl der Bilder ist an der Gedenktafel zu sehen. Der Standort der Tafel liegt zwischen Bahnhofsgleis und Parkplatz. Wären nicht Gabriele Ewald und Angelika Reiner, die im Namen des Lions-Clubs Philippsruhe ein Blumenbouquet niederlegten, es wäre schlecht bestellt um die Blumenrabatte. „Hier gibt es ja kein Wasser. Diesen Sommer haben wir kanisterweise Wasser hierhergefahren“, sagen die beiden Frauen. Sie sehen es als ihren Beitrag zum Gedenken und bepflanzen und pflegen das Beet gerne.

(Quelle: Hanauer Anzeiger vom 07.09.2022)

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