29.05.2024

Jüdische Gemeinde Hanau übernimmt Bücher-Nachlass der Forscherin Monica Kingreen aus Nidderau

News Hanau

Monica Kingreen war für das Pädagogische Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt tätig. Ihr Interesse galt vor allem der Lokal- und Regionalgeschichte der Juden und ihrer Verfolgung und Ermordung im Nationalsozialismus. Den Büchernachlass aus ihrem privaten Arbeitszimmer in Nidderau-Windecken übernimmt nun die Jüdische Gemeinde Hanau.

„Wenn man einen solchen Schatz sieht, schlägt das Herz gleich höher“, sagt Oliver Dainow von der Jüdischen Gemeinde Hanau mit Blick auf die Regale voller Bücher und Dokumente im früheren Arbeitszimmer von Monica Kingreen. Auch Tonaufnahmen und Videos mit Zeitzeugeninterviews schlummern im Haus an der Synagogenstraße in Windecken. Sogar kostbar gearbeitete Tora-Mäntel und einen Beutel mit Gebetsriemen hat die Forscherin hinterlassen, die im Jahr 2017 verstarb.

Historiker Erhard Bus, selbst Windecker und ein Freund der Familie, schätzt die Zahl der Bände auf 1500. Sie befassen sich mit jüdischem Leben, überwiegend in Hessen. Dies war das große Forschungsfeld, dem sich Monica Kingreen seit ihrem Umzug nach Windecken im Jahr 1983 verschrieben hatte. Der Nachlass soll nun auf Vermittlung von Bus in die Hände der Jüdischen Gemeinde Hanau übergehen.

„Eine Inschrift in einem Balken unseres Hauses verriet, dass er ursprünglich aus der Synagoge stammte, die einst gegenüber stand“, berichtet Halina Kingreen über den Auslöser der unermüdlichen Forschungstätigkeit ihrer Mutter. Daraufhin fängt Monica Kingreen an, Fragen zu stellen. Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Windecken, die ehemals älteste und größte Gemeinde im Hanauer Land. Und zum Schicksal der jüdischen Bewohner der heutigen Nidderauer Stadtteile.

1994 erscheint Kingreens Studie „Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim und Heldenbergen“, eine ausführliche Sammlung jüdischer Familiengeschichten. Das Buch erzählt auf über 500 großformatigen Seiten mit Fotos, Dokumenten und Stammbäumen von den Vereinskameraden, Nachbarn und Freunden, die über Generationen friedlich in der Dorfgemeinschaft lebten, bis sie im Nationalsozialismus verraten, vertrieben und deportiert wurden.

Im Jahr 2003 wurde Monica Kingreen vom Hessischen Kultusministerium an das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt abgeordnet und erhielt einen Lehrauftrag für Didaktik der Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt. Zahlreiche Publikationen und Forschungsprojekte folgten.

„Täter werden an anderer Stelle gerichtet“

„Meine Mutter hat sich immer auf das Leben der Opfer konzentriert“, berichtet Halina Kingreen. „’Die Täter werden an anderer Stelle gerichtet’, hat sie einmal gesagt. Niemand wusste so wie sie über jedes einzelne Schicksal Bescheid. In Frankfurt hat sie jeden einzelnen Stolperstein überprüft. Sie machte die Familien wieder lebendig.“

Für sie als Kind sei der Umgang mit jüdischem Leben und Glauben Alltag gewesen, berichtet Halina Kingreen. Nicht selten habe das Telefon geklingelt. Am anderen Ende der Leitung meldeten sich jüdische Menschen aus aller Welt, die etwas über ihre Familiengeschichte erfahren wollten. „Häufig begannen die Anrufer aus den USA oder Israel die Gespräche auf Englisch und verfielen nach wenigen Augenblicken in den heftigsten hessischen Dialekt. Viele hatten jahrzehntelang kein Deutsch mehr gesprochen. Es klingt so klischeehaft, aber es war einfach so.“

Die Überlebenden und ihre Nachkommen hätten ihrer Mutter unendliche Dankbarkeit entgegengebracht. Die Emotionen gipfelten 1988 in der „Woche der Begegnung“, einem Besuch ehemaliger jüdischer Mitbürger in Nidderau, den Monica Kingreen gemeinsam mit Frank Eisermann und mit Unterstützung von Bürgermeister Willi Salzmann sowie der Stadt organisiert hatte. Durch intensive Nachforschung hatte sie die ausgewanderten ehemaligen Nidderauer, die den Holocaust überlebt hatten, gefunden und den Kontakt hergestellt. „Durch meine Mutter haben viele Menschen ihren Frieden gefunden.“

Wie bedeutend die Arbeit ihrer Mutter ist, wurde Halina Kingreen erst nach ihrem Tod richtig bewusst. Noch heute kämen Anfragen aus aller Welt, die sie so gut wie möglich beantworte. Ergreifend sei auch die posthume Publizierung des Buches „Die Deportation der Juden aus Hessen 1940 bis 1945“ gewesen, das ihre Mutter nicht mehr selbst habe veröffentlichen können. Es wurde im Oktober 2023 in der Paulskirche im Rahmen einer Gedenkveranstaltung der Stadt Frankfurt zur ersten Massendeportation von Jüdinnen und Juden vorgestellt.

Internetplattform aus Datenschutzgründen offline gestellt

Und es gibt da noch ein weiteres offenes Projekt von Monica Kingreen. Sie arbeitete an der Datenbank www.vor-dem-Holocaust.de mit Informationen zu jüdischen Familien. Es sollte eine Rechercheplattform sein, auf die Interessierte aus aller Welt über das Internet hätten zugreifen können. Diese war auch einige Jahre frei online zugänglich. Doch aus Datenschutzgründen sei die Plattform vom Fritz-Bauer-Institut offline gestellt worden. Nur noch vor Ort und mit vorheriger Anmeldung sei eine Einsicht möglich.

„Meine Mutter hat nie Fotos ohne Einwilligung veröffentlicht“, sagt Halina Kingreen. „Die Daten liegen nun auf irgendeinem Server. Wir als Erben würden die Verantwortung für die Veröffentlichung übernehmen, aber wir kommen nicht dran. Es ist unfassbar tragisch.“

Umso erleichterter ist sie, dass durch die Vermittlung von Erhard Bus der Nachlass aus dem Windecker Arbeitszimmer nun in gute Hände kommt. „Die einschlägige Literatur ist in den Forschungsinstituten ohnehin vorhanden“, erklärt Bus. „Für die noch junge Jüdische Gemeinde in Hanau jedoch kann die Sammlung identitätsbildend wirken.“

Nachlass kann identitätsbildend für Jüdische Gemeinde Hanau sein

Oliver Dainow stimmt dem zu. Nach ihrer dritten Neugründung in 700 Jahren Stadtgeschichte begeht die Jüdische Gemeinde Hanau kommendes Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Sie sehe sich zwar in der Nachfolge der früheren Hanauer Gemeinden, doch die heutigen Mitglieder stammen größtenteils aus der früheren Sowjetunion. Eine Kontinuität des Judentums vor Ort gebe es nicht. „Diese Bücher beinhalten die Geschichte jüdischer Menschen in der gesamten Region. Sie sind für uns sehr wertvoll“, erklärt Dainow.

Die Jüdische Gemeinde will den gesamten Nachlass zunächst zu sich holen und sichten. Im Zuge der aktuellen Umbaumaßnahmen am Gemeindesitz an der Wilhelmstraße soll Raum für die Bücher und Dokumente geschaffen werden – als Literatur für die eigenen Mitglieder, aber auch als Nachschlagewerk für die Arbeit mit Schulgruppen.

Halina Kingreen kann sich keinen besseren Verbleib des Nachlasses ihrer Mutter wünschen: „Ich danke Erhard Bus sehr für die Initiative. Es ist schön, dass die Bücher nicht in Antiquariaten landen, sondern ein neues Zuhause finden.“

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