14.11.2022

Haltung zeigen gegen Antisemitismus

Hanau

Gedenken an Pogromnacht 1938: Oliver Dainow von der Jüdische Gemeinde Hanau mahnt.

„Wir dürfen nicht wegsehen, wir dürfen nicht schweigen, nicht verdrängen“, sagte am Donnerstagabend Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck (SPD) vor rund 200 Besuchern des Gedenkens an den nationalsozialistischen Pogrom vor 84 Jahren in Hanau. Am 10. November 1938 brannten Hanauer in der Nordstraße die Synagoge nieder. Die Feuerwehr habe nur darauf geachtet, dass die Nachbarhäuser nicht in Flammen aufgingen, so Funck. Jüdische Geschäfte seien an dem Tag geplündert und beschädigt worden. „Niemand stand auf!“

Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen, wie es der evangelische Pfarrer Manuel Goldmann in seiner Ansprache forderte, wird nach Auffassung der Jüdischen Gemeinde Hanau wegen der steigenden antisemitischen Tendenz immer notwendiger. „Ich bin müde davon, dass wir uns immer wieder im Hamsterrad drehen“, sagte Oliver Dainow, Geschäftsführer der seit 2005 wieder bestehenden Gemeinde. Schon 1933 hätten die Menschen in Deutschland erkennen können, was den Juden im Land unter dem Nazi-Regime zustoßen werde. Die Hanauer Widerstandskämpferin Elisabeth Schmitz habe die früh einsetzende Verfolgung und Unterdrückung von Menschen jüdischen Glaubens 1935 in ihrer Schrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ dokumentiert.

Laut Dainow hat der Antisemitismus in der Gegenwart wieder Konjunktur. In den vergangenen Jahren habe es an hohen jüdischen Feiertagen Anschläge oder Drohungen gegeben, in Halle, Hamburg, Hagen und Hannover. Der unverhohlen ausgestellte Judenhass bei der diesjährigen Weltkunstschau Documenta in Kassel sei „kein losgelöstes Ereignis der Kultur“, so Dainow.

Ebenso wenig wie der US-Rapper Kanye West, der seine antisemitischen Sprüche an seine weltweit 18 Millionen Follower über die sogenannten sozialen Medien verbreite oder die „Passauer Neue Presse“, die in ihrer Reihe Bibelzitate einen Tag nach Jom Kippur die Stelle druckt, in der es heißt, dass alle Juden an einem einzigen Tag auszurotten seien, Frauen, Männer und Kinder sowie die Besitztümer anschließend verteilt werden sollen. Für Dainow sind dies keine Einzelereignisse, sondern Vorfälle, die verbunden ein antisemitisches Netz ergeben. Dies sieht er gestützt von einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung, laut der 49 Prozent der Menschen in Deutschland einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen wollen. Am geringsten sei diese Forderung bei den 18- bis 29-Jährigen geäußert worden. Das gebe Hoffnung, es sei die „nächste Generation der Entscheider“, so Dainow.

Die größte Hoffnung für die heutigen Juden hätten jedoch die Überlebenden der Shoah verbreitet. „Sie haben uns das Wichtigste hinterlassen, den Willen, zu leben, den Willen, nicht aufzugeben“. An die Besucher richtete er die Forderung, Haltung zu zeigen, dies sei mehr gefordert denn je:

(Quelle: Hanauer Anzeiger vom 12.11.2022)

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