02.06.2022

Warnung vor der „Banalität des Bösen“: Zum 80. Jahrestag der ersten Deportation erinnert Hanau an verschleppte und ermordete jüdische Bürger

Hanau

Zur Erinnerung und zum Gedenken an die in der Zeit des Nationalsozialismus verschleppten und ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Hanau fand zum Jahrestag an der ehemaligen Ghettomauer am Freiheitsplatz eine Gedenkstunde statt. Bundespräsident a.D. Joachim Gauck und seine aus Hanau stammende Lebensgefährtin Daniela Schadt nahmen teil.

Vor 80 Jahren, am 30. Mai 1942, wurden 86 jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus Hanau und der Region vom Hauptbahnhof aus deportiert.

Rund 100 Menschen, darunter Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Vertreter der Politik, Schulen und der Kirche, folgten der Einladung von Oberbürgermeister Claus Kaminsky, Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck und Irina Pisarevska, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hanau. Kurzfristig zugesagt hatten zudem Bundespräsident a.D. Joachim Gauck und seine aus Hanau stammende Lebensgefährtin Daniela Schadt. Professor Alfred Jacoby, Vorstand des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, hielt eine Rede.

Nach einer Psalmrezitation durch Kantor Juri Zemski sprach Oberbürgermeister Claus Kaminsky zu den Gästen: „Wir sind heute zusammengekommen, um uns an eines der dunkelsten Kapitel unserer Stadt- wie Landesgeschichte zu erinnern.“

Am 5. September 1942 fuhr ein weiterer Zug mit 78 Juden über Kassel in die Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager in Majdanek, Sobibor, Theresienstadt, Kaunas, Treblinka und Auschwitz. „Jüdische Kinder, Frauen und Männer wurden mit der Reichsbahn in die planmäßige industrielle Ermordung geschickt.“

Viele Hanauer hätten um das Schicksal der Juden gewusst, „aber man schaute weg, als sie abgeholt wurden oder vom jüdischen Gemeindehaus in der Nürnberger Straße mit Koffern zum Hauptbahnhof laufen mussten“.

Nie dürften die damaligen Ereignisse verdrängt oder gar verharmlost werden, betonte der OB. „Angesichts wieder zunehmendem Rechtsextremismus, von Verschwörungsmythen und Antisemitismus müssen wir mit Wissen und Reflexion die Verpflichtung der heutigen, aber auch der kommenden Generationen ableiten, alles daran zu setzen, dass sich derartiges Leid nie wiederholt.“

Alfred Jacoby, Vorstand des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, erinnerte an die Entstehung der Ghettos und der Pogrome und sprach über die Aufarbeitung des Holocausts, die nach dem Krieg nur schleppend erfolgte. „Erst mit der Zeit entwickelte sich eine Erinnerungskultur, die wir nun durch sogenannte Stolpersteine oder eine Gedenkmauer wie diese hier in Hanau pflegen“, so Jacoby, dessen Eltern den Holocaust überlebten und – wie er berichtete – „von den schrecklichen Erlebnissen in dieser Zeit ihr Leben lang geprägt waren“. Jacoby warnte vor der „Banalität des Bösen“ und zog Vergleiche zum rassistisch motivierten Attentat auf neun junge Menschen am 19. Februar 2020 in Hanau.

Die Gedenkstätte Ehemalige Ghettomauer wurde 2010 erarbeitet und eingeweiht. Tafeln erinnern an 232 jüdische Hanauerinnen und Hanauer, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden. Schüler der Otto-Hahn-Schule verlasen die Namen.

Eine weitere Gedenkveranstaltung findet am 5. September, dem Tag der zweiten Deportation, am Hanauer Hauptbahnhof statt.
 

(Printausgabe des Hanauer Anzeiger vom 02.06.2022)

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